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Von Aas und Äpfeln PDF Drucken
Geschrieben von Marcus Andreas   
Montag, 1. März 2010

Ist essen in einem Ökodorf einfacher? Nein, beileibe nicht! Auch hier scheint sich über nichts so vortrefflich streiten zu lassen wie über Essen. „Die Aassüchtigen können sich ja ein Fahrrad borgen um in die Zivilisation zu reisen, um dort das eine oder andere Stück Fleisch zu reißen“ notiert ein amüsierter Besucher. Können Vegetarier, Veganer, Rohköstler und „Aassüchtige“ dennoch zufrieden zusammen leben?

„Seit Eva den Apfel aß, hängt viel vom Abendessen ab“ (Lord Byron).

Überblick

Mit einem knackigen (Bio-)Apfel wäre Eva sicherlich fein raus gewesen im Ökodorf Sieben Linden. Hier gilt wie anderswo: Das Thema Essen ist enorm bedeutungsschwanger und führt nicht immer zur Einigkeit. In der Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt leben (und essen) gut 120 Menschen. Vom Frühstück bis zum Abendessen kann in diesem Öko-Dorf gemeinsam gegessen werden – allerdings nicht alles, wie 2007 in einem Grundsatz-Papier zu lesen ist:

„Wir haben vor vielen Jahren die Entscheidung getroffen, dass in sämtlichen gemeinschaftlich genutzten Bereichen zumindest vegetarisch (meist vegan) gekocht und gegessen wird, dies entspricht unserer Suche nach einem gemeinsamen Nenner. In der Gemeinschaftsküche im Regiohaus werden morgens und abends vegane und vegetarische Gerichte bereitgestellt mittags wird vorwiegend vegan gekocht. (...) In den privaten Küchen kann jede/r zubereiten, kochen, essen, lagern etc. was er oder sie will.“

(Foto: Michael Würfel)
(Foto: Michael Würfel)

Das Obst und Gemüse, das in den Töpfen der Gemeinschaft landet, wird größtenteils in den eigenen Gärten angebaut. Der Rest wird über einen Bio-Großhändler bestellt.  Für die gemeinsamen Vorräte bezahlen alle, Kinder werden von der ganzen Gemeinschaft getragen. Ein Kochteam kümmert sich um die Zubereitung und Anrichtung der Speisen; das Essen ist gut!

Konflikte

Der Frieden steht unter Spannung; der Grundsatz ist nicht unangefochten und bietet viel Raum für Auseinandersetzung. „Einheit in der Vielfalt“ ist nicht selbstverständlich bei der Beantwortung gewichtiger Fragen: Was bedeutet der Anspruch eine „sozial-ökologische Modellsiedlung“ zu sein? Reicht vegetarische Kost oder sollte es nicht doch vegan sein? Ist es verwerflich, (Bio-)Fleisch zu begehren? Wie steht es mit Tieren? Wer bestimmt, was richtig ist?

Da konnte man beispielsweise vom „Eiertanz“ der AG Haushaltskasse lesen, die versuchte, den Gordischen Knoten zu lösen zwischen jenen, die für eine völlige Abstinenz von Tierprodukten eintraten und jenen, die „finden, dass wir zu wenig Käsesorten haben.“ Der Dauerbrenner unter den Diskussionsthemen ist die Frage nach der Tierhaltung und -schlachtung. Zuletzt wurde 2005 ein „Friedensvertrag“ geschlossen, wofür zum ersten Mal in der gemeinsamen Abstimmung ein Veto übergangen wurde. Der Vertrag hat dazu beigetragen die Spannungen zu mildern, aber sie sind nicht grundsätzlich vom Tisch.

Theorie ...

Ein Blick in die Fachliteratur zum „vegetarischen Milieu“ soll verstehen helfen, welche Konflikte sich hier vollziehen. Dort ist vom Dualismus von Natur und Kultur zu lesen: Das Verspeisen pflanzlicher Nahrung werde assoziiert mit dem „eins sein“ mit Natur, „natürlicher“ Ernährung, einer „harmonischen“ Beziehung zur Welt, und schlicht: „Lebendigkeit“. Natur wird tendenziell als positiv bewertet – beziehungsweise anders herum: Das Gute als das Natürliche angesehen. Im Vordergrund dieses moralisch angehauchten Naturbildes stehen nicht Tod und Vergehen, sondern Wachstum und Gedeihen.

(Foto: Michael Würfel)
(Foto: Michael Würfel)

Lebensmittel werden bevorzugt als gut und „natürlich“ definiert, wenn sie „naturbelassen“ sind. Obgleich Kochen sonst als beeindruckender zivilisatorischer Akt gilt – die Verwandlung rohen Materials in kulturell anerkannte Speisen – läuft es hier nun andersherum: Gerade das Unverarbeitete wird geschätzt. Wird anderswo der möglichst fein raffinierte weiße Zucker angepriesen, drehen sich nun die Vorzeichen um; brauner Zucker, braune Nudeln; „Kultur“ als immerwährende Verfeinerung und Gestaltung hat ausgedient; erhalten, beziehungsweise gestärkt bleibt allerdings das Motiv der Reinheit.

Es besteht allerdings eine gewichtige Ausnahme: Fleisch ist nicht Teil des vegetarischen Kanon. Es besetzt  ein Ende einer imaginären Status-Leiter; allein die Perspektive entscheidet allerdings, ob Fleisch dabei den positiven oder negativen Pol darstellt. Es trifft die alte ethnologische Erkenntnis zu, dass das hoch Geschätzte, das Heiligste, als Potenz zugleich das Schändlichste beinhaltet. Vegetarier scheinen trotz, oder wegen ihrer Ablehnung von Fleisch diese gedankliche Hierarchie zu teilen. Nick Fiddes, Autor von „Fleisch. Symbol der Macht“ schreibt dazu:

„Mit den Nahrungsmitteln des einen Pols (...) wird Leben assoziiert, mit denen des anderen Tod. Nicht-FleischesserInnen heben häufig den Gegensatz zwischen der Lebenskraft frischer Früchte und der Verwesung von Tierleichnamen hervor.“

Während der Vegetarismus oft als „Jungbrunnen“ dargestellt wird, sprechen viel Gründe für die Assoziation von Fleisch mit Tod – das Vorkommen von Blut, Sterben und Verwesung. Andersherum gilt mancherorts gerade Fleisch als das Lebenskraft-spendende Nahrungsmittel schlechthin. Und gehört Leben und Sterben nicht zum „natürlichen“ Verlauf alles Irdischen?

Die Rohköstler gehen noch weiter und grenzen sich wiederum von dem Großteil der Vegetarier ab: „Tot“ ist, was zu hoch verarbeitet oder erhitzt wurde (siehe der „Tod im Kochtopf“ von Walter Thiele). Was aber ist mit Veganern? Während Vegetarier gegen die Tötung von Tieren zum Zwecke der Nahrung Stellung beziehen, opponieren Veganer weiter; sie wenden sich gegen die (Be-)Nutzung von Tieren im weitesten Sinne. Damit liegt die Betonung nicht mehr auf der Frage nach Leben und Tod, sondern weiter gefasst nach der „Macht über Natur“, und dem Leid, welches sich damit anrichten lässt.

... und Praxis

Das Gewicht der in Sieben Linden auftretenden Konflikte, die so „viel Kraft gekostet und sehr viel ungute Stimmung produziert“ haben, scheinen sich in der Literatur zu bestätigen: „Tierschlachtung, Tiertod“ und die Frage der Tierhaltung sind so bedeutsam, weil eben anhand von ihnen existentielle Themen von Leben, Tod und Macht ausgehandelt werden. Momentan wird das Thema Fleischkonsum ausgelagert, „aus Respekt vor den Menschen, für die jegliches Töten im Widerspruch zu ihrer ethischen Überzeugung steht.“

Aber Spuren dieser und anderer Spannungen finden sich dennoch zur Genüge im öffentlichen Raum Sieben Lindens. Verschämt-ironisch tritt ein Kommentator auf der Webseite für umfassendere Fleisch-Tabuisierung ein:

(Foto: Michael Würfel)
(Foto: Michael Würfel)

In einem Rundbrief möchte man zwar „die Milchtrinker und Käseesserinnen nicht anklagen und verurteilen“, aber es fallen doch Bedenken, dass Vegetarier mit ihrer Ernährungsweise „hauptsächlich der Beruhigung ihres Gewissens“ dienen. Über dem gemeinsamen Esstisch hängt eine CO2-Installation, an der sich ablesen lässt, welche Lebensmittel wie zu Buche schlagen (klare argumentative Vorteile für Rohköstler), und so weiter ...

Der Großteil des Für und Wider verschiedener Positionen ließe sich folgendermaßen kategorisieren:

a)    Geschmack: Die Lust am Essen bleibt ein Kriterium. Da wird ein Lauchauflauf auch mal stundenlang zer-/gekocht, „weil's eben besser schmeckt“.
b)    Wille: Manche verweigern eine Änderung ihrer Essgewohnheiten, schlicht weil sie sich gegängelt fühlen.
c)    Gesundheit: Die Schwachstelle mancher Argumentationskette, wenn mitunter doch nachgeholfen werden muss mit Vitaminen etc..
d)    Spiritualität: Bei dieser Idee einer persönlichen Weiterentwicklung im weitesten Sinne taucht das Konzept der „Reinheit“ wieder auf.
e)    Ethik und Verantwortung: den Tieren, den Mitmenschen, der Erde gegenüber.

Nicht zuletzt geht es nicht nur um die eigene, sondern auch um kollektive Identität. Trotz der Klarstellung, dass Sieben Linden kein „vegetarisches“ oder „veganes Projekt“ sei, ist das Ringen um das Selbstverständnis des Dorfes ein andauernder Prozess. Was bedeutet es eine „sozial-ökologische Modellsiedlung“ zu sein? Wie viel Wert sollte im Dorf auf „Außenwirksamkeit“ und  „Öffentlichkeitsverträglichkeit“ gelegt werden?

Ausblick

Es soll nicht verschwiegen werden, dass das kulinarische Feld ein enorm dynamisches Element in Sieben Linden ist. Viele weitere Argumente existieren, die dem bisher Gesagten entgegenstehen oder es ergänzen. So ist es keineswegs zu verleugnen, dass in Sieben Linden das gemeinsame Mahl nicht nur als „Arena“, sondern auch zur Stärkung von communitas dient: Vor jedem Essen wird gemeinsam ein Kreis aus Menschen manifestiert.

(Foto: Michael Würfel/Sieben Linden)
(Foto: Michael Würfel/Sieben Linden)

Oder eine aktuelle Empfehlung an all jene, die trotz aller Argumente bisher nicht Veganer sein wollen: Bitte eher „Fleisch von Rehen, Schweinen, Kaninchen“ essen, „von denen sie genau wissen, daß sie in freier Wildbahn aufgewachsen sind“, als Milch und Eier. Hier wird der Tod einzelner Tiere hinter das Leid vieler gestellt – eine neue Entwicklung, welche die klassische Denkhierarchie durchbricht. Das Thema Essen bleibt komplex und spannend im Ökodorf!

Dennoch: Eva kann sich glücklich schätzen mit ihrem Apfel.

Zur Person:

ImageMarcus Andreas studierte Pädagogik und Ethnologie an der Ludwig Maximilian Universität in München (LMU) und schloss 2007 mit dem Magister Artium ab. Er arbeitet als Dozent an der LMU und ist momentan als Research Associate am neu gegründeten Rachel Carson Center tätig.
Der Artikel basiert auf einer frühen Feldforschung in Sieben Linden, welche Ausgangspunkt von Marcus' Dissertationsprojekt ist.
Sieben Linden ist in der Altmark (Sachsen-Anhalt) angesiedelt, nahe dem Ort Poppau. Die Gemeinschaft hat sich entschlossen, dort zusammen an ihrer Vision eines guten Lebens zu feilen. Das Motto lautet: „Das Leben findet wieder im Dorf statt!“ Das Projekt existiert seit gut einem Dutzend Jahren, mit etwa nochmal so viel Planungszeit davor. Sieben Linden ist über die Jahre hinweg zu einem Anziehungspunkt für Tausende von Besuchern geworden und stellt heute eines der berühmtesten Ökodörfer in Europa dar: www.siebenlinden.de. Das Thema Essen in Sieben Linden ist natürlich weit komplexer als hier angedeutet werden konnte; die neuere Forschung müsste neben Äpfeln definitiv auch Mixer stärker in der Vordergrund rücken.

 

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