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Die Müllwühler PDF Drucken
Geschrieben von Annika Franke   
Montag, 1. März 2010
Nach Landeschluss durchwühlen sie die Abfallbehälter auf den Hinterhöfen der Supermärkte: Die Containerer leben von dem, was nicht mehr gebraucht wird, aber noch brauchbar ist. Ihr Motiv ist nicht Geldnot, sondern Kritik an einem System, das die Konsumenten in Abhängigkeit treibt, die als Freiheit getarnt ist.

Die Zwiebeln im heißen Fett beginnen langsam Farbe anzunehmen, während die Möhren noch geschnitten werden. Wenn Abbie und Kirsten zusammen mit ihren Freunden kochen, gleicht das Bild einem normalen WG-Abend – nur dass sie die Zutaten vorher aus verschiedenen Müllcontainern zusammengesucht haben, statt sie im Supermarkt einzukaufen. Die Suche nach noch verwertbaren Lebensmitteln in Abfallbehältern, auch als containern bezeichnet, wird allerdings nicht nur von Menschen betrieben, die damit ihre Haushaltskasse entlasten wollen, sondern auch von Konsumkritikern, deren Ziel es ist, einen möglichst freien Zugang zu sämtlichen Waren zu haben.

Boykott gegen die Wegwerfgesellschaft

Es ist ein Boykott gegen die Wegwerfgesellschaft. Denn während auf der einen Seite Lebensmittel vernichtet werden, leiden Millionen von Menschen an einer permanenten Unterernährung. Lebensmittel werden aus ökonomischen Gründen entsorgt, um die Preise stabil zu halten oder Platz in den Regalen der Supermärkte zu machen. In dem 2005 erschienenen Dokumentarfilm We feed the World zeigte der Österreicher Erwin Wagenhöfer die Auswirkungen der globalisierten Nahrungsmittelproduktion. In welchem Ausmaß in Europa täglich Lebensmittel vernichtet werden ist verstörend: In Wien beispielsweise wird jeden Tag die Menge an Brot weggeworfen, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, versorgt werden könnte. Das ist möglich, weil der für das Brot benötigte Weizen billig ist. Selbst eine Tonne Streusplitt kostet mehr als eine Tonne Weizen! Nur aus diesem Grund kann Europa es sich leisten, ein Nahrungsmittel genauso zu behandeln wie etwas, was zum Schutz vor Glätte einfach auf die Straße gekippt wird. Die niedrigen Lebensmittelpreise werden durch den globalen Handel ermöglicht. Europa produziert sein Getreide nicht selbst, sondern importiert es. Vier Fünftel des Korns, das in der Schweiz verbraucht wird, kommt aus Indien – einem Land, in dem, laut UN-Statistik 200 Millionen Menschen dauerhaft unterernährt sind.

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Tomaten in Südspanien. Jede Europäerin und jeder Europäer essen im Jahr durchschnittlich 10 kg Treibhausgemüse aus Südspanien.Foto: www.we-feed-the-world.at/film.htm

Wer im Supermarkt Gemüse kauft, kommt an Produkten aus Spanien nicht mehr vorbei. Auf mehr als 25.000 Hektar wird im südspanischen Almeria Gewächshausgemüse angebaut. Dieser Anbau wird genauso wie der Export subventioniert. So kommt es, dass dieses Gemüse auch auf einem Markt in Dakar verkauft wird – günstiger als ein senegalesischer Bauer es je produzieren könnte. Wenn es für diesen Bauern keine Möglichkeit gibt, im eigenen Land Geld für seine Familie zu verdienen, so ist es nicht verwunderlich, dass er sich aufmacht, sein Land zu verlassen – in der Hoffnung, auf dem europäischen Kontinent eine rentable Arbeit zu finden. Nehmen wir an, er schafft es über die Straße von Gibraltar nach Spanien, ohne dass er Schiffbruch erleidet oder festgenommen und von den Behörden zurückgeschickt wird. Dann hat er vielleicht sogar das Glück, in einem der Gewächshäuser für einen Hungerlohn zu arbeiten, in denen genau jene Tomaten angebaut werden, die ihn zum Verlassen seiner Heimat gezwungen haben.

Der Staat als Dealer

Das doppelte Spiel der Regierungen wird auch an der Subventionierung von Hybridsamen deutlich: Hybridsaatgut bringt im Gegensatz zu herkömmlichem Saatgut Pflanzen hervor, die selbst keinen fruchtbaren Samen produzieren. Das heißt der Bauer muss jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Dies macht ihn abhängig von den Konzernen, die die Hybridsamen produzieren. Besonders prekär wird die Situation dann, wenn die Subventionen gestrichen werden und der vermeintlich günstigere Anbau von Hybriden auch noch teurer wird. Man könnte auch sagen: Der Staat fixt die Bauern an und lässt sie dann in ihrer Abhängigkeit zu Grunde gehen. Von diesen Abhängigkeiten profitieren auch die Lebensmittelkonzerne, allen voran das schweizerische Unternehmen Nestlé. Die Politik des Konzerns basiert auf dem Konzept der Abhängigkeit. So machte 2005 der damalige Konzernchef Peter Brabeck keinen Hehl aus seiner Anschauung, dass er eine Privatisierung des Rohstoffs Wasser befürworte: „Wasser ist ein Lebensmittel; so wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben. Ich persönlich glaube, es ist besser, man gibt einem Lebensmittel einen Wert, so dass wir alle bewusst sind, dass das etwas kostet. Und dann anschließend versucht, dass man, mehr spezifisch, für diesen Teil der Bevölkerung, der keinen Zugang zu diesem Wasser hat, dass man dort etwas spezifischer eingreift und da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten“, so Brabeck gegenüber der Produktion von We feed the World. Es darf sicher nicht daran gezweifelt werden, dass Nestlé bereits einen gewinnbringenden Vorschlag für die „verschiedene Möglichkeiten“ parat hat, denn unter „sozialer Verantwortung“ versteht das Unternehmen, den Gewinn des Konzerns zu vergrößern, um Arbeitsplätze zu schaffen. Vor dem Hintergrund, dass Nahrungsmittel immer mehr von Robotern als von Menschen produziert werden, wirkt dieses Argument geradezu lächerlich.

Es ist diese Einstellung großer Konzerne, gegen die sich der Protest der Containerer richtet: Die Vorstellung, man könne Allgemeingut, wie Wasser oder Luft, privatisieren und sich dadurch an den Menschen bereichern, die nicht zuerst ihr Besitzfähnchen irgendwo in die Erde gerammt haben. Statt durch den Kauf im Supermarkt die Konzerne zu unterstützen, versuchen die Containerer unabhängig von den Gesetzen des Marktliberalismus zu leben und sich von dem Konsumzwang zu befreien. Denn wie bemerkte Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung: „Freihandel hat mit Freiheit nichts zu tun.“ Stattdessen bedeutet es für die Mehrheit der Bevölkerung, in Abhängigkeit Weniger zu leben, die im Hintergrund die Strippen ziehen.

 

Comments  

 
0 #1 Super-Artikel!Wolfgang 2010-06-08 11:36
Ein sehr gut geschriebener Artikel, der die hoffnungslose Lage der Bauern in armen Ländern verdeutlicht. Hoffentlich lesen diesen Bericht auch mal die "richtigen" Adressaten.
Quote
 

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