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| Alles nur gemalt – Esskultur in der Malerei |
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| Geschrieben von Sigrid Blomen | |
| Montag, 1. März 2010 | |
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Nahrung und Essen waren schon immer Gegenstand der Kunst und Malerei. Dabei geht es nicht nur um die naturgetreue Darstellung. In Stillleben verstecken sich tiefgründige Symbolik oder spielerische Tricks. Und van Gogh öffnet mit seinen „Kartoffelessern“ einen ganzen Kosmos von Erde, Staub, harter Arbeit und Hunger. Nahrung ist existenziell wichtig für die Menschen. Und alles, was überlebensnotwendig ist, findet auch Einlass in die Künste, zumal, was Essen und Trinken angeht, in die bildende Kunst. Mit der Darstellung von Brot und Schinken, Trauben und Äpfeln, Wild und Fisch, Wein und geschliffenen Trinkgläsern vergewisserte sich der Maler der Teilhabe am Wohlstand und Luxus seiner Auftraggeber und bewies dem Publikum seine eigene Kunstfertigkeit. Bereits in der Antike, so erzählt eine Anekdote, haben sich die Maler Zeuxis und Parrhasios einen Wettstreit in Sachen täuschend echter Malerei von Essbarem geliefert: Zeuxis konnte, so die Geschichte, Trauben so realitätsgetreu malen, dass die Vögel an dem Bild zu picken versuchten. Doch Parrhasios übertraf ihn noch: Als Zeuxis versuchte, den Vorhang wegzuziehen, hinter dem Parrhasios’ Wettstreitbild verborgen war, musste er feststellen, dass der Vorhang gemalt war! Der niederländische Maler Willem Kalf (1619–1693) hätte sicher nichts dagegen gehabt, an einem solchen Wettstreit teilzunehmen, war er doch einer der berühmtesten und professionellsten Stillleben-Maler seiner Zeit. Vanitas – Vergänglichkeit verbirgt sich hinter Zitronen, Orangen und WeingläsernDas Barock (1575–1770) war die Blütezeit des Stilllebens, stand es doch symbolisch für die Antithese von Todeserwartung und Lebensfreude – Memento Mori und Carpe Diem. Diese Gegensätze gehen in Kalfs Stillleben eine verblüffende Harmonie ein. ![]() Willem Kalf: Stillleben mit Zuckerdose (Foto: Wikimedia) Was man sieht, ist schnell erzählt. Vor einem dunklen Hintergrund steht ein marmorner Tisch, der prall gefüllt ist mit Kostbarkeiten: Drei Gläser, teils gefüllt, eine chinesische Zuckerdose auf einem Tablett, eine Orange, eine Zitrone, darunter ein Brokatstoff. Nicht nur komponiert Kalf sein Bild perfekt und ausgewogen, indem er horizontale und vertikale Achsen bildet, in deren Kreuzungspunkt sich auch der Mittelpunkt der Darstellung befindet. Nicht nur ist er in der Lage, dem Stoff, der Zitronenschale, den Gefäßen einen derart überzeugenden stofflichen Charakter zu verleihen, so dass man die kratzige Oberfläche des Tuches zu verspüren und die Säure der Zitrone zu schmecken meint.
Nicht nur vermag Kalf einen dem Bild Lebendigkeit gebenden Kontrast der Farben zwischen hell und dunkel, warm und kalt zu geben. Sondern vor allem spielt er mit der im Barock gängigen Symbolik, die den Gegenständen anhaftet. So ist ein gläserner Pokal, der nahezu geleert ist, ein Zeichen für ein gelebtes, also fast beendetes Leben. Die herabhängende Schale der Zitrone symbolisiert ebenfalls die Kürze des Lebens. Die Zitrusfrüchte an sich verweisen auf etwas, das äußerlich schön, innerlich aber sauer, also zweifelhaft, ist. Der dunkle Hintergrund schließlich, vor dem all die Reichtümer aufgebaut sind, steht für die Todeserwartung. Auf einer anderen Ebene repräsentiert Kalfs Stillleben den Reichtum der kleinen Nation der Niederlande, die im 17. Jahrhundert durch den Fernhandel Zugang zu Wohlstand und Luxusgütern wie einer chinesischen Zuckerdose oder Zitrusfrüchten besaß. Porträt oder Gemüse?![]() Guiseppe Arcimboldo: Ein Spiel mit der Wahrnehmung (Foto: Wikimedia) ![]() Guiseppe Arcimboldo: Ein Spiel mit der Wahrnehmung (Foto: Wikimedia)
Ein halbes Jahrhundert vor Kalf malte Guiseppe Arcimboldo seine deftigen Stillleben. Zu seiner Zeit war es verbreitet, Rätselbilder in der Art zu malen, wie es Arcimboldo tat. Er kombinierte Früchte, Gemüse, und Pflanzen auf eine unnachahmliche Weise. Betrachtet man sie umgekehrt, wird aus einem Topf voller Sellerie, Zwiebeln, Möhren und was man noch so benötigt, um eine kräftige Suppe zu kochen … das Porträt des Gemüsegärtners (oder ist es der Koch?) mit dicken Backen, exotischem Bart, vollen Lippen, stämmiger Nase und einem Hut auf dem Kopf. Van Goghs Kartoffelesser![]() Vincent van Gogh: Kartoffelesser (Foto: Wikimedia) Düster ist die Atmosphäre. In einem einfachen Haus sitzt am Ende des Tages die Familie rund um den Tisch versammelt, unter einer Lichtquelle, die kaum mehr als das Geschehen am Tisch beleuchtet. Schweigend widmen sie sich dem einfachen Essen, das nichts mit barockem Luxus oder dem Spieltrieb eines Arcimboldo zu tun hat. Vielmehr dient Nahrung hier ausschließlich dem Überleben. Einem Überleben, das die Menschen sich unter Mühen erarbeiten. Schweigend reichen sie sich ihr Essen. Einzig der Blickkontakt weist auf eine minimale Verbundenheit hin. Ihre Gesichter und Hände erzählen mehr, als es Worte vermögen, von den Strapazen ihres Alltags. Vincent van Gogh lebte, als er dieses Bild malte, wieder bei seinen Eltern im niederländischen Nuenen. Seine Bilder aus dieser Zeit beschäftigen sich mit dem harten und einfachen Leben der Bauern und Weber. Die Idee zu den „Kartoffelessern“ entstand, so kann man in einem seiner Briefe nachlesen, während eines Besuches bei einer Familie de Groot, die gerade beim Abendessen zusammen saßen. Später schreibt van Gogh: „Ich habe mich … sehr bemüht, den Betrachter auf den Gedanken zu bringen, dass diese Leutchen, die bei ihrer Lampe Kartoffeln essen, mit denselben Händen, die in die Schüssel langen, auch selber die Erde umgegraben haben; das Bild spricht also von ihrer Hände Arbeit und davon, dass sie ihr Essen ehrlich verdient haben. Ich habe gewollt, dass es an eine ganz andere Lebensweise gemahnt als die unsere, die der Gebildeten. Ich möchte denn auch durchaus nicht, dass jeder es gleich schön oder gut fände.“ Zur Person:
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Sigrid Blomen ist Kunsthistorikerin und freischaffende Journalistin. Für sie ist Kunst kein Luxus, sondern, wie der deutsche Künstler Gerhard Richter vor Jahren in einem Fernsehinterview formulierte, „die höchste Form von Hoffnung“. Die Beschäftigung mit Werken der bildenden Kunst bietet dem Betrachter die Möglichkeit, neue Sichtweisen auf Welt und Wirklichkeit zu entdecken, eigene Realitäten gespiegelt zu sehen und damit zu einer Auseinandersetzung nicht nur mit Form, Struktur und Inhalt, sondern mit zutiefst menschlichen Fragen zu gelangen. 

