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| Wie das Label „World Music“ soziale Realitäten vereinfacht – Ein Beispiel aus Kamerun |
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| Geschrieben von Irene Marti | |
| Dienstag, 30. Juni 2009 | |
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Der Begriff „World Music“ beschreibt grundsätzlich jede außereuropäische, „traditionelle“ Musik. Obwohl dieses Label im heutigen musikethnologischen Verständnis eine gegenseitige Beeinflussung einschließt, schwingt nach wie vor eine Sichtweise mit, die Europa unreflektiert in den Mittelpunkt rückt. Dadurch wird der Dualismus zwischen dem „Westen“ und dem „Rest der Welt“ reproduziert und die „westliche“ Kulturindustrie nimmt die dominante Rolle ein. Die beiden zurzeit populärsten Musikrichtungen Kameruns sind Bikutsi und Makossa. Beide laufen unter dem Label „World Music“ und lassen sich so von der europäischen Kulturindustrie international vermarkten. Wenn man jedoch genauer hinschaut, werden Prozesse, die sich hinter diesem Label verbergen, erkennbar. Die MusikerInnen wollen sich bewusst voneinander abgrenzen und ihre Selbstwahrnehmung als soziale Gruppen kann anhand sehr unterschiedlicher Merkmale festgemacht werden. Während in der Musikindustrie kommerzielle Verkaufsargumente im Vordergrund stehen, spielen sich hinter der Kulisse sogenannte „Ethnizitäts“-Prozesse ab. Mit dem Ethnizitätsbegriff lassen sich Identitätsprozesse einer sozialen Gruppe aufzeigen, die auf einer bewussten Abgrenzung zu den „anderen“ beruhen. Woran lassen sich nun diese Identitätsprozesse der MusikerInnen festmachen? Die Bedeutung der Musik in KamerunMusik hat in Kamerun laut dem Sozialwissenschaftler Francis Nyamnjoh eine tragende Bedeutung. Denn sie eignet sich besonders gut als Medium, durch das gesellschaftliche und politische Ereignisse kritisiert und kommentiert werden können. Gerade in Ländern, in denen eine regimekritische Haltung nicht ungefährlich ist, kann mittels der Metaphern in den Liedern die Zensur geschickt umgangen werden. Während sich einige MusikerInnen dem chauvinistischen Politprogramm des gegenwärtigen Präsidenten Paul Biya anschließen und sich von ihm instrumentalisieren lassen, haben sich andere der Kritik verschrieben. Letztere versuchen, mittels ihrer Musik Menschen zum politischen Widerstand zu bewegen. Paul Biya regiert das Land seit 1982 und darf dank einer im April 2008 beschlossenen Verfassungsänderung, auch 2011 wieder kandidieren. Die Politiker sind sich bewusst, wie viel Einfluss die MusikerInnen auf die Bevölkerung haben. Sie nutzen die Musik zu Propagandazwecken, um ihre Ideologien zu verbreiten. In einem Spannungsfeld zwischen Propaganda und Kritik schlüpfen die MusikerInnen in sehr unterschiedliche Rollen und versuchen so, sich voneinander abzugrenzen. Die Akteure dieses Spannungsfeldes sind der gegenwärtige Präsident, so wie MusikerInnen aus der Makossa- und der Bikutsiszene. Paul Biya’s PolitikMit seinem Amtsantritt versprach Biya der Bevölkerung Liberalisierung, Demokratisierung und ein nahes Ende der Einparteiendiktatur. Diese Veränderungen ließ er jedoch nur sehr zögerlich zu. Biyas Zugehörigkeit zu der Ethnie der Beti spielt in seiner politischen Karriere eine tragende Rolle. Indem er die politische und wirtschaftliche Macht größtenteils in den Händen der Beti ließ, schuf er mittels Patronage und Repression eine Elite, die ihn lange unterstütze und die Bevölkerung unter Kontrolle hielt. Ebenso wichtig war die Bikutsimusik, die von den Beti gespielt wird. Bikutsimusik stand lange im Schatten der populären Makossamusik und erlebte mit dem Amtsantritt Biyas und dessen Unterstützung einen Aufschwung. Makossa vs. BikutsiMakossamusik steht seit ihrer Geburtsstunde anfangs der 1950er Jahren für urbane und sozialkritische Musik. Entwickelt wurde sie von den finanziell schlecht gestellten MigrantInnen, die aus den ländlichen Regionen in die Hafenstadt Douala migrierten. Anfangs wurde die Makossamusik hauptsächlich auf einfachen Perkussionsinstrumenten und einer Gitarre gespielt. Der Makossa entwickelte sich rasch weiter und genießt spätestens seit der Musik von Manu Dibango internationalen Erfolg. Manu Dibango etablierte den „Soul Makossa“ – eine Mischung zwischen amerikanischer Soulmusik und Makossa. Aufgrund der Zensur in Kamerun und der fehlenden Infrastruktur lebte Dibango lange Zeit im Ausland. Dort beeinflussten andere Musikrichtungen wie Reggae, Latin, Funk und Jazz seine Musik. In den 1990er Jahren konnte man auch die Einflüsse von Hip-Hop und Rap spüren. Bikutsi gilt als größte Konkurrenz für die Makossamusik. Er entstand in den ländlichen Regionen rund um die Hauptstadt Youndé, im Gebiet der Beti. In der Stadt wurde er weiterentwickelt und gilt inzwischen ebenfalls als urbane Tanzmusik. Musikalisch zeichnete sich der Bikutsi in den 1940er Jahren hauptsächlich durch das Balafon und die Schlitztrommel aus. Auf beiden Instrumenten werden schnelle Rhythmen gespielt. Im Laufe der Zeit wurde das Balafon durch die elektrische Gitarre ersetzt und nach und nach mit weiteren Instrumenten ergänzt. Inhaltlich befasst sich Bikutsi mit alltäglichen Themen: Freundschaften, Liebesbeziehungen sowie das Privatleben der lokalen Prominenz stehen im Zentrum. Während Bikutsi von den MakossamusikerInnen als sexuell aufgeladen und primitiv bezeichnet wird, wird er von den Beti als Therapie für die Armen deklariert. Unterstützung vs. KritikIn der Öffentlichkeit und auch in der Politik von Paul Biya wird Bikutsi klar als „traditionelle“, chauvinistisch gefärbte Musik dargestellt. Der Erfolg des Bikutsi und die politische Karriere des gegenwärtigen Präsidenten erfolgten parallel. Biyas Ideologie weist ebenfalls sehr chauvinistische Züge auf und von seiner versprochenen Förderung einer regionalen Gleichheit sowie kultureller Vielfalt ist wenig zu sehen. Der Präsident erkannte den Bikutsi als ein gutes Mittel, um sein patriotisches und konservatives Denken zu repräsentieren und zu vermitteln. So wurde Bikutsi von der Regierung instrumentalisiert und dem Volk die Idee einer nationalen Einheit mit einer Rückbesinnung auf die Traditionen eingeimpft. Die Gruppe „Les têtes brûlées“, die 1987 gegründet wurde, genießt gegenwärtig internationalen Erfolg. Die Regierung setzte einen Beti an die Spitze der nationalen Fernsehstation und vermittelte ihnen weitere wichtige Ämter und Vorzüge. Die Förderung seitens der Regierung und natürlich auch die ideologische Unterstützung der Beti gegenüber der Regierung äußerten sich durch glorifizierende Songtexte. In dem Lied „Renouveau National de Paul Biyas“ von dem Musiker Archangelo de Moneko’s wird Biya die volle Unterstützung von Gott und der Nation versichert. „Paul Biya […], you are the man of the new deal. With God’s guidance and with the support of the nation, you shall never, never falter. Keep going, Paul Biya, keep going, we support your action of faith and unity.” Die einseitige Förderung der Beti durch den Präsidenten und die leeren Versprechungen hinsichtlich sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, ließ in breiten Bevölkerungsschichten Unmut gegenüber der Regierung wachsen. MakossamusikerInnen entwickelten sich als Sprachrohr der desillusionierten Bevölkerungsschicht. Manu Dibango und Lapiro de Mbanga, die beide sehr regime-kritische Makossamusiker sind, bezeichnen sich selbst als „Afro-Europäer“ d.h., sie identifizieren sich sowohl mit Afrika als auch mit Europa. MakossamusikerInnen markieren ihre Distanz zur Bikutsimusik, indem sie den BikutismusikerInnen die Manipulation durch die Politiker vorwerfen: Sie glorifizieren die Regierung und stehen nicht in der Gunst des Volkes. Der zurzeit bekannteste Makossamusiker ist Lapiro de Mbanga. Mbangas Karriere begann 1987 in Kamerun. Seine Texte sind meist in Englisch oder Pidgin – eine Mischsprache, bei der Struktur und Vokabular der beteiligten Sprachen stark vereinfacht wurden – mit der er ein sehr breites Publikum erreicht. Sein Erfolg nahm zurzeit der Wirtschaftskrise in den 1990er Jahren und der wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu. Mbanga reflektiert in seiner Musik den Groll der Bevölkerung: Er beschuldigt die Behörden, indem er ihnen die Ausbeutung der Ärmsten und Korruption vorwirft. Unterstützt wird er vor allem von der jüngeren Generation des Landes, aber auch von Politikern der Oppositionspartei Social Democratic Front (SDF). Er setzt sich ein für öffentliche Demonstrationen und versucht die Bevölkerung zum Protest zu mobilisieren. Ganz nach seinem Motto „No condition is permanent“. Laut der BBC News, war Mbanga im Februar 2008 in Bürgerunruhen und Protesten verwickelt, die sich gegen die Regierung richteten. Dabei kamen mindestens 40 Menschen ums Leben. Grund für die Proteste war einerseits der Unmut über gestiegene Lebensmittelpreise, andererseits die herrschende Unzufriedenheit mit dem autokratischen System des Präsidenten Biyas. Konkret wandten sich die Demonstrationen gegen die im April 2008 beschlossene Verfassungsänderung, durch die dem Präsidenten eine weitere Kandidatur bei den Wahlen 2011 ermöglicht wurde. Mbanga wurde vorgeworfen, Jugendliche zum Protest animiert zu haben und man verurteilte ihn im Juli 2008 aufgrund seiner Mittäterschaft an den Protesten zu drei Jahren Haft. Der wirkliche Grund seiner Verhaftung scheint jedoch offensichtlich seine öffentliche Kritik an der Regierung zu sein. Konsequenzen eines LabelsNimmt man eine lokale Perspektive ein, werden also rasch die Mängel und Grenzen des Labels „World Music“ ersichtlich. Im Kontext der politischen Verhältnisse kommen Ethnizitätsprozesse ans Licht, die einerseits auf Kritik, andererseits auf einer Abhängigkeit der Regierung beruhen. Sowohl die Kritik als auch die Abhängigkeit werden von der Regierung instrumentalisiert. Die politischen Missstände dienen als Nährboden der kritischen MakossamusikerInnen. Das Selbstverständnis dieser MusikerInnen ist gekennzeichnet durch ihre kritische und weltoffene Haltung, was insbesondere durch die Selbstbezeichnung Dibangos und Mbangas als „Afro-Europäer“ zum Ausdruck kommt. BetimusikerInnen dagegen erlangen ihr Verständnis als soziale Gruppe einerseits durch die Identifikation mit Biyas Ideologie und dessen Unterstützung. Andererseits verhalf auch die aktive Abgrenzung zum „Anderen“, in diesem Fall zum Makossa, zur Definierung ihrer Rolle. Daraus lässt sich ableiten, dass Kategorien immer von Machtkonstellationen abhängig sind. Außerdem werden sie mittels der Vereinfachung sozialer Tatsachen und aufgrund bestimmter Interessen leicht instrumentalisiert. In Europa äußert sich dieser Mechanismus in Form des Labels „World Music“, welches die sozialen Realitäten in vielerlei Hinsicht verklärt. In Kamerun dagegen werden Makossa und Bikutsi als Gegenpole instrumentalisiert und für politische Ideologien mobilisiert. Makossa und Bikutsi erhalten somit je nach dahinterstehenden Interessen und Perspektiven entscheidend verschiedene Bedeutungen, mit unterschiedlichen Folgen.
Zur Person:
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Irene Marti studiert seit Herbst 2006 an der Uni Basel Ethnologie und Soziologie. Mit Musik und Tanz beschäftigt sie sich nicht nur im Rahmen ihres Studiums, sondern auch in ihrer Freizeit.

