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Schlummerndes Cross-Over: Argentinische Klassik PDF Drucken
Geschrieben von Bianca Schäfer   
Dienstag, 30. Juni 2009

In Buenos Aires liegen Chaos und Kreativität dicht beieinander. Nach ihrer Blütezeit um die Jahrhundertwende gerieten die schönen Künste und mit ihr die klassische Musik schnell in Vergessenheit. Im Instituto de Investigación en Etnomusicología versucht man, dieser Tendenz auf musikalischer Ebene entgegenzuwirken. Ein Interview mit Lucio Bruno-Videla zur aktuellen Lage der argentinischen Klassik.

Buenos Aires ist eine lateinamerikanische Stadt mit Blick nach Europa. Hier treffen durch verschiedene Einwanderungsströme Welten aufeinander, Chaos und Kreativität liegen sehr eng beieinander. Chaos durch Individualismus und die schlecht funktionierende Bürokratie; Kreativität getreu dem Motto: „Aus der Not eine Tugend machen”, denn ohne Improvisationstalent leidet man unter diesem Chaos. Es gab jedoch eine Epoche, in der die Kreativität sich steuern ließ. Zu jener Zeit, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, hatte Argentinien eine weltweite Vorrangstellung in wirtschaftlicher und künstlerischer Produktion erreicht. Buenos Aires war in diesem Moment ein internationales Zentrum der Künste, in dem Literatur, Architektur, Malerei etc. ihren Höhepunkt fanden. Und so auch die argentinische Klassik. Und wie Vieles ist auch sie in Vergessenheit geraten. Im Instituto de Investigación en Etnomusicología versucht man, sie wiederzubeleben.

Lucio J. Bruno-Videla ist Vizedirektor des Forschungsinstitutes für Ethnomusikwissenschaften in Buenos Aires (Argentinien). Dort gibt er Kurse wie „Sinfonische Produktion von argentinischen Komponisten, geboren zwischen 1808 und 1881“, um die argentinische Klassik aus der Vergessenheit hervorzuholen. Neben seiner Lehrtätigkeit ist er Komponist, Dirigent und in Zusammenarbeit mit dem CD-Label Tradition hat er in den letzten vier Jahren zwölf CDs mit argentinischer Klassik herausgebracht. Im Jahr 2003 gründete er das erste Orchester Europas, das sich auf argentinische Klassik spezialisiert hat. Mehr Information auf Spanisch: www.luciobrunovidela.com.

Argentinische Klassik und ihre Einflüsse

Ethmundo: Ein Blick auf die argentinische Klassik: Was sind die Elemente, die ein argentinisches Musikstück auszeichnen?

Bruno Videal (Foto: Bianca Schäfer).
Bruno Videal (Foto: Bianca Schäfer).

Lucio Bruno-Videla: Zur Beantwortung dieser Frage beziehe ich mich vor allem auf die Erfahrung, die ich durch die Beschäftigung mit mehr als 3 200 Partituren argentinischer Klassik gewonnen habe. Die argentinische Klassik kann – zumindest in den Jahren 1890 bis 1960 – in zwei große Stilrichtungen eingeteilt werden: Eine mit einem nationalen Charakter, die sich in der traditionellen populären Musik bzw. Folklore wieder findet und eine mit universellem Charakter, oder besser europäisierte Klassik. Meiner Meinung nach ist diese Einteilung ziemlich plump und in Wirklichkeit wäre eine mögliche Klassifikation der Musik nur dann möglich, wenn man die Partituren studieren könnte, was man gewöhnlich hier nicht zu tun pflegt.

Zurzeit arbeite ich meine eigene Theorie dazu aus, für die ich noch Jahre brauchen werde. Mit jeder neuen Partitur finde ich in der argentinischen Musik mehr Diversität und Heterogenität, was sie jedes Mal faszinierender macht. Aber um eine Idee zu geben, kann ich vorwegnehmen, dass die stilistische Vielfalt der in Argentinien oder von Argentiniern im Ausland komponierten Musik von einer viel ausgeprägteren Mannigfaltigkeit ist, als ihr europäisches Äquivalent zur gleichen Zeit (immer im Vergleich von argentinischer Musik zu einem bestimmten europäischen Land). Ich würde die argentinische Klassik als eine Musik definieren, die fast komplett auf den technischen und formalen Elementen der europäischen Klassik basiert, aber von verschiedenen Verfahren überlagert und nebeneinander gestellt wird, was man in den europäischen Beispielen oder Modellen nicht vorfindet. Das alles muss in einer speziellen Interpretationweise durch Musiker vereint werden, die gleichzeitig heterogen ist und Elemente Europas sowie Amerikas vereint.

Eine obra músical (Musikstück) besteht, wenn wir von der Klassik ausgehen, zu 80 Prozent aus Partitur und zu 20 Prozent aus Interpretationen des Dirigenten und der Musiker. Ich kann keine Musikstücke ohne ihre musikalische Interpretation ersinnen, denn ohne sie existiert das Werk nur kodifiziert. Das bedeutet, dass man zwar bloße Partituren analysieren kann, aber erst durch die Interpretation der Musiker steigt man in die wirkliche Analyse ein. Es sind diese 20 Prozent – die leider bei den meisten Stücken argentinischer Klassik fehlen – die einem erst das vollständige Verständnis des Werkes ermöglichen.

Ethmundo: Welche Einflüsse hat die argentinische Musik? Wie machen sie sich bemerkbar?

Lucio Bruno-Videla: In der Kolonialzeit und besonders dank der Ausbildung durch die Jesuiten, erwarben die Indígenas den Chroniken zufolge in vielen Fällen ein bedeutendes musikalisches Niveau. Jene Indígenas sind heute einer der wichtigsten Teile unserer gebildeten oder klassischen Musikgeschichte.

Ernste Musik sagt man in Deutschland, um sie von der Unterhaltungsmusik zu unterscheiden. Es ist interessant zu bemerken, dass in den meisten Fällen diese Grenzen in der argentinischen Musik überhaupt nicht klar sind. Das erinnert mich an das aktuelle Konzept des Cross-Over, das in Argentinien schon vor mehr als 100 Jahren existierte, wenn wir die Analysen der Partituren betrachten, die wir in keine der zwei Unterteilungen zuordnen können. Ich denke, dass dies auch viel mit der indigenen oder der afro-rioplatensen Kultur zu tun hat. Die vielen Einflüsse haben in unserem Land gleichzeitig eine besondere Art und Weise der Interpretation verursacht, so zum Beispiel durch die afrikanische Bevölkerung, die indigene, italienische, germanische, französische …

Aufbereitung argentinischer Klassik

Ethmundo: Herr Bruno-Videla, was sind zurzeit Ihre Projekte?

Lucio Bruno-Videla: Soll ich Ihnen wirklich alle aufzählen? Seit drei Jahren führe ich die Suche und Verortung von Manuskripten und Dokumenten verschiedener, wichtiger Komponisten Argentiniens der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch. Dies bedarf einer Erklärung: Obwohl es schwer zu glauben ist, wurden 90 Prozent der argentinischen Klassik nie gedruckt. Und das Material der offiziellen und staatlichen Archive bzw. Bibliotheken ist nur sehr schwer zugänglich. Daher sind in einigen Fällen die kompletten Werke von einigen Komponisten verschollen. Aufnahmen gibt es nur in einem kaum nenneswerten Prozentsatz.

Zurzeit bereite ich mit engagierten Musikern Los Poemas del Agua (Die Gedichte des Wassers) für neun Instrumente von Enrique Mario Casella (1891–1948) für ein Konzert am 12. Juli 2009 in der Scala de San Telmo, Buenos Aires, vor. Dieses Werk könnten wir als erstes argentinisches Kammerstück bezeichenen, das ein Saxofon-Quartett verwendet. Ich habe es in einem offiziellen Archiv, 2 000 km von Buenos Aires entfernt, vor der Verbrennung gerettet. Die Musiker haben auch schon an einem historischen Projekt Anfang des Jahres, der ersten komerziellen Aufnahme in Argentinien einer argentinischen Oper, Chasca, mitgewirkt. Parallel dazu bereite ich ein Konzert in Wien mit meinen Kompositionen am 19. September 2009 vor. Diese Uraufführung wird im Musikverein stattfinden.

Ich denke, dass dies die wichtigsten aktuellen Arbeiten sind.

Ethmundo: Sie sprachen von dem historischen Projekt um die Oper Chasca. Wie sind Sie dazu gekommen? Warum diese und keine andere argentinische Oper?

Lucio Bruno-Videla: Das Studium der Oper Chasca war Teil der Forschung meiner Diplomarbeit. Es handelt sich um eine Erneuerungs-Oper, die in der Stadt Tucumán 1939 uraufgeführt wurde. Seitdem wurde sie nicht mehr aufgeführt und die Partitur kam abhanden. Meine siebenjährige Arbeit hat mir nicht nur erlaubt, diese Partitur, sondern über 150 weitere Werke des gleichen Autors wiederzuerlangen. Als ich im Jahr 2000 anfing, nahm man an, dass die meisten Werke von Casella verschollen waren. In der Stadt Tucumán fand ich die Mehrheit seiner Stücke. Da außerdem kein komplettes Register existiert, tauchen ab und zu an den unmöglichsten Orten bis heute noch Werke auf. Dies alles verdanke ich einem Zufall: Zu Beginn meiner Forschung fand ich heraus, dass eine Tochter des Komponisten in der Nähe von mir wohnte. Sie half mir, mich mit der Familie in Tucumán in Kontakt zu setzen. Von da an und dank der Unterstüzung der Familie, suchte ich in den Archiven etc., in denen mir jedes Dokument eine neue Tür eröffnete. So folgte ich den Spuren von Casellas Tätigkeiten und Partituren bis in weit enfernte Städte von Buenos Aires über Mendoza, Montevideo, Brüssel, Paris, Bologna und Washington D.C. Alles aus privater Tasche bezahlt.

Chasca ist Teil eines Triptichons, bestehend aus drei kurzen Opern über argentinische Legenden und Folklore. Daran ist das Konzept der szenischen Umsetzung interessant, das wir heute multimedial nennen könnten. Enrique Mario Casella fing 1936 an, dieses Triptichon zu konzipieren, das sich Leyendas Líricas (Lyrische Legenden) nennt, in dem er – mittels einer Niederschrift – seine konzeptuelle Erneuerung anhand von Projektionen und Beleuchtung, Kleidung, dramatischer Aktion, sonorischer Raumproduktion etc. darlegt. Eine der Neuheiten dieses Werkes ist die Verlegung des Orchesters aus dem Orchestergraben auf drei Podien in drei Orchestern, verteilt auf der Bühne.

Chasca war wegen der Fusion von Tradition und Modernität meine erste Wahl, aber wir hoffen, ehrlich gesagt, mit vielen weiteren interessanten Opern weitermachen zu können.

Variationsästhetik als Merkmal argentinischer Oper

In Bezug auf den argentinischen Operntypus möchte ich gerne noch etwas hinzufügen: Die argentinische Oper, die aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgeht, weist trotz ihrer, (wie normalerweise angenommenen) relativ kurzen Extistenzdauer eine unglaubliche Variationsästhetik auf. In der Blütezeit der Oper in Argentinien von 1857 bis 1960 haben es die Werke unserer Komponisten bis in verschiedene, wichtige europäische Theaterhäuser gebracht. Ihr Stil reicht von einem italienischen oder französischem bis zu einem futuristischen Modell, der Avantgarde oder dem Expressionismus. Wie zum Beispiel in der futuristischen Oper Tresconuno von Mario Monachesi, einem experimentellen Werk, das 1940 in Buenos Aires komponiert wurde.

Verbreitung des Kulturerbes Musik

Ethmundo: Wie wollen Sie mit dem gesammelten Gut umgehen? Was sind Ihre zukünftigen Projekte?

Lucio Bruno-Videla: Ich denke, dass der Schlüssel, um dieses gigantische Kulturerbe massiv verbreiten zu können, im Verlegen der Partituren in Papierformat und digital auf registrierten CDs liegt. Wir sind derzeitig auf der Suche nach einer Firma oder Institution mit langjähriger Erfahrung und international anerkanntem Namen, damit bald auch das musikalische Kulturgut Argentiniens im Ausland Beachtung findet.

Parallel dazu versuche ich weiterhin, mich als Komponist zu projektieren und meine Arbeit als Musikwissenschaftler hat mir erlaubt, ein sehr spezialisierter Musiker mit argentinischem Repertoir zu werden. Daher ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um zum fünften Mal in meinem Leben ein Orchester zu gründen.

Musik und Identität Argentiniens

Ethmundo: In Buenos Aires werden auch viele historische Gebäude zerstört. Was sind ihrer Meinung nach die Ursachen dieses mangelnden historischen Bewusstseins? Und inwiefern beeinflusst diese Situation die Identitätssuche der Argentinier?

Lucio Bruno-Videla: Das ist eine Frage, um Bände zu füllen. Fangen wir damit an: Das aktuelle argentinische Territorium war eine Kolonie, auf dem sowohl die Spanier als auch die Criollos lebten. Zumindest waren die Bewohner der Metropole Buenos Aires davon überzeugt, dass sie in der Peripherie Europas lebten und somit alles Wichtige und Wertvolle dort passierte und nicht hier. Diese Mentalität hält bis heute an – nach meiner Ansicht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als man anfing, so etwas wie ein nationales Gefühl zu entwickeln, wurde der Vorschlag gemacht, alles zu zerstören, um etwas Neues zu errichten. Es musste alles zerstört werden, was mit Spanien in Verbindung stand oder etwas zu tun haben konnte, egal ob im positiven oder negativen Sinn. Tabula rasa. Diese Philosophie war schon immer der Leitspruch der Argentinier. Alles muss umgearbeitet werden, indem man zerstört, etwas verbirgt oder verschwinden lässt, weil jetzt „das Gute”, das Neue, der Beginn, die Null etc. kommt. Wenn wir dazu noch die wirtschaftlichen Hochs und Tiefs zählen, die Improvistation, das Fehlen von Planung, dann kann man aus diesem Cocktail einen großen Teil der argentinischen Mentalität zusammenfassen: genial in vielen Aspekten, katastrophisch in anderen. Und schließlich läuft sie in einem tiefen Gefühl von Beschränkung zusammen. Besonders für die Musik oder Architektur ist diese Verbindung furchtbar. Nichts kann „das Argentinische“ für lange Zeit definieren, weil sich alles ständig verändert.

Man kann sich vorstellen, dass diese andauernde Situation über zwei Jahrhunderte hinweg wirklich eine sehr schwere Identitätskrise hervorruft.

Ethmundo: Was kann die wiederentdeckte Musik den Europäern vermitteln? Immerhin werden Sie im September ein Werk von sich in Wien dirigieren!

Lucio Bruno-Videla: Ich habe vier Jahre lang in Wien gelebt und kann sagen, dass es tatsächlich ein steigendes Interesse an der lateinamerikanischen Kultur in Europa gibt. Im Fall der lateinamerikanischen Klassik ist noch alles Neuland: Das, was ein Europäer erwerben oder kennenlernen kann, ist sehr gering. Obwohl man das Material berücksichtigen muss, das noch in den wundervollen Bibliotheken und Archiven Europas schlummert – auch wenn es nur sehr wenig ist. Es müsste eine kooperative Arbeit realisiert werden. Dies käme nicht nur der Kultur beider Kontinente zugute, da beide eine große Überraschung erleben werden, wenn sie herausfinden, dass ein großer Teil der Geschichte Europas in der Lateinamerikas verankert ist und umgekehrt. Bei meiner Suche nach argentinischem Material ist europäisches Material zum Vorschein gekommen, darunter Editionen, Dokumente, Aufnahmen von großem wirtschaftlichem und historischem Wert für Europa. In vielen Fällen ist durch Kriege oder andere unsichere bzw. unheilsame Ereignisse ein Großteil des Kulturerbes in Europa verschwunden, welches seine Tage in Lateinamerika beendet, manchmal aus unglaubwürdigen Gründen...

Ethmundo: Vielen Dank für das Gespräch mit Ihnen. Wir sind gespannt auf Ihre weiteren Resultate und ob sich die beiden Kontinente in ihren Kulturen gegenseitig wiederfinden.

Das Interview führte Bianca Schäfer.

Zur Person:

ImageBianca Schäfer, geboren am 11.11.1985 in Mannheim, studiert seit Oktober 2006 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg Europäische Kunstgeschichte und Ethnologie. Zurzeit studiert sie für zwei Semester in Buenos Aires, Argentinien und hat dort unter anderem am Forschungsinstitut für Ethnomusikwissenschaften einen Kurs belegt. Neben dem Studium baut sie sich gerade eine Projektgruppe auf, um ein historisches Gebäude des Architekten Virginio Colombo (1885-1927) im Stil Art Nouveau zu retten, das dem Abriss nahe steht. Spanischer Blog: unione-operai.blogspot.com.

 

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