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Schön ist nicht gleich schön – Ein Blick auf die Kunst der australischen Aborigines PDF Drucken
Geschrieben von Christina Henneke   
Dienstag, 31. März 2009

Galerien für Aboriginal Art sprießen in Australien aus dem Boden, in Souvenirläden sind die populären Motive auf Bumerangs und Kaffeetassen gedruckt und selbst in renommierten Auktionshäusern klettern die Preise kontinuierlich nach oben. Der Markt für die Kunst der Aborigines boomt. Nach Australien haben das auch Europa, Asien und Amerika entdeckt.

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Ivan Namirrkki, Hollow Log, 2005 (Foto: Sammlung Alison und Peter W. Klein)

Gerne hängt man sich die farbkräftigen Bilder ins Wohnzimmer. Die bunten Punkt- und Linien-Motive aus der Wüstenregion sind genauso wie die Kreuzstraffierungen auf Baumrinde aus Nordaustralien nicht nur äußerst dekorativ, sondern wirken auf westliche Betrachter auch geheimnisvoll exotisch. Symbolgeladene Darstellungen und bildbestimmende Symmetrien lassen diese Werke an abstrakte, minimalistische Malerei westlicher Tradition erinnern. Doch offenbar sieht der aufgewirbelte Kunstmarkt in Australien und Europa etwas ganz anderes in diesen Bildern als deren Hersteller. Während abstrakte Kunst im Allgemeinen von dem Nicht-Sichtbaren handelt, das sich der figürlichen, gegenständlichen Darstellung entzieht, ist dies bei indigener australischer Kunst nicht der Fall. Denn hinter den dargestellten Symbolen verbergen sich greifbare Geschichten, Traditionen und Wissen, die für die Aborigines keinesfalls nur imaginär, sondern sehr real und greifbar sind.

So groß die von dieser Kunst ausgehende Faszination auch ist, so schwer scheint sie doch für europäische Sehtraditionen fassbar. Genauso wenig wie die Verortung in der „Abstrakten Kunst“ passen Kategorien wie „Volkskunst“ oder „Ethnographica “ für diese zeitgenössische Kunstrichtung.

Was ist schön? Eine viel diskutierte Frage, die gerade am Beispiel der Aboriginal Art zeigt, wie kulturell unterschiedlich ein Ästhetikverständnis sein kann.

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Künstlerinnen malen ein Gemeinschaftsbild im Kunstzentrum Mangkaja Arts im Stil der „dot-paintings“ (Foto: Henneke)

Während die Bilder von den Käufern wegen ihrer Farbintensivität, Exotik und Abstraktion als „schön“ bezeichnet werden, bewegen die Künstler selbst ganz andere Argumente zu diesem Urteil. „Painting is our foundation. White man calls it art“ – „Malerei ist unser Fundament. Der weiße Mann nennt sie Kunst", lautet eine viel zitierte Aussage des Aboriginal Elders Galarrwuy Yunupingu. Bei seiner Ethnie, den Yolngu aus dem nordaustralischen Arnhemland, bestimmt sich ästhetische Schönheit durch den visuellen Effekt der schimmernden Kreuzschraffur, mit der die meisten ihrer Bilder überzogen sind.

Individuelle Kreativität ist nebensächlich

Ein Kunstwerk wird als ästhetisch ansprechend gesehen, wenn es sich genau an die traditionellen Maltechniken und die dem Künstler zugestandenen Abbildungsrechte hält, sowie eine bedeutende Figur oder Geschichte aus der Mythologie (Dreamtime) darstellt. Individuelle künstlerische Kreativität ist dabei eher nebensächlich.

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Ivan Namirrkki, Sacred water holes, 2004 (Foto: Sammlung Alison und Peter W. Klein)

Ein entscheidender Prozess in der Fertigstellung eines Bildes verwandelt das gesamte Werk von „dull to brilliance“ – vom schlichten Objekt zu einem Meisterwerk: Es ist das Auftragen einer schimmernden und sehr filigranen Kreuzstraffierung. Die mit dünnen Pinselstrichen gezeichneten Linien werden dabei über die untere Farbschicht mit den jeweiligen Clan-Designs gemalt. Hierdurch erlangen die Bilder ihre spirituelle Kraft Bir'yun, was soviel wie „Blitz des Lichtes“ bedeutet und sich auf den schimmernden Effekt durch die Straffierung bezieht. Durch das Einzeichnen der Linien werden die Kräfte der Ahnen reaktiviert und freigesetzt. Die Umwandlung der Bilder von „dull to brilliance“ verleiht spirituelle Kraft und ist somit auch das, was die Yolngu an ihren Bildern als „schön“ bezeichnen.

In der Wüstenregion Zentralaustraliens haben sich in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche Richtungen von Aboriginal Art entwickelt, die häufig unter dem Deckmantel „dot-paintings“ gefasst werden. Punkte, konzentrische Kreise und Linien sind ein immer wiederkehrendes Merkmal dieser Malerei mit Acrylfarben auf Leinwand. In den Augen der Künstler entsteht der ästhetische Effekt hier durch „dotting“ und „outlining“. Die Linien und Punkte ergeben Muster und Symbole, die mehrere Bedeutungsebenen enthalten. Fast immer erzählen die Symbole eine Geschichte aus der „Dreamtime“ – der Mythologie der jeweiligen Ethnie – die sich direkt auf das symbolisch dargestellte Land bezieht. Gleichzeitig sind die Bilder somit eine Huldigung an die Ahnen der „Dreamtime“ als auch eine Manifestation der Besitzansprüche des Künstlers an dem Land.

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Clifford Possum Tjapaltjarri, o. T., 1988, Acryl auf Leinen (Foto: Sammlung Alison und Peter W. Klein)

Denn nur wer die notwendigen Rechte an einem Land vererbt bekommen hat, darf dieses auch darstellen und zum Verkauf anbieten. „In Bildern verbergen sich Sinnebenen und Inhalte, die sich dem initiierten Betrachter erschließen, allen anderen aber verborgen bleiben”, verdeutlicht der Direktor des Hannoveraner Sprengel Museums Ulrich Krempel. Mag den Galeriebesucher die harmonische Zusammenstellung der Farben und Formen an den Bildern begeistern, ist es bei dem Mitglied einer Aborigine-Gemeinschaft eine tiefere Bedeutungsebene, die seine Wertschätzung für ein Bild ausmacht.



Zur Person:

ImageChristina Henneke studierte bis 2008 Ethnologie, Psychologie und Kultur, Kommunikation & Management in Münster. Davon verbrachte sie ein Semester in Australien. Ihre Studienschwerpunkte waren Afrika und Australien sowie Kunstethnologie und Migrationsforschung. Zur Anfertigung der Magisterarbeit arbeitete sie einige Monate im indigenen Kunstzentrum Mangkaja Arts in Fitzroy Crossing in Western Australia. Seit ihrem Studienabschluss ist Christina wissenschaftliche Volontärin am LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster.

 

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