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Ein Philosoph und seine Praxis – Ein Interview mit Andreas Mussenbrock PDF Drucken
Beruf & Praxis
Geschrieben von Annika Strauss   
Dienstag, 13. Februar 2007

Die erste philosophische Praxis der Neuzeit wurde 1981 von Gerd B. Aschenbach eröffnet. Seitdem sind diese Art praktischer Institutionen der Philosophie auf dem Vormarsch. Um die 130 Praxen gibt es mittlerweile in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Was eine philosophische Praxis will, welche Menschen sie anspricht, warum sie in Zukunft die wichtigste Alternative zur Psychotherapie stellen wird und was sie der Philosophie der akademischen Anstalt voraus hat: Über diese Themen unterhielt ich mich mit Dr. phil. Andreas Mussenbrock. Der 1992 promovierte Philosoph ist seit 2002 Betreiber einer philosophischen Praxis in Münster.

1.Teil: Was ist eine philosophische Praxis?

Foto: Andreas Mussenbrock
Philosoph: Andreas Mussenbrock

Strauss: Herr Mussenbrock, wie erklären Sie den Menschen, die Sie nach ihrem Beruf fragen und sich zunächst einmal gar nichts unter einer „Philosophischen Praxis“ vorstellen können, womit Sie Ihr Geld verdienen?

Mussenbrock: Im Grunde ist eine Philosophische Praxis für Menschen da, die mehr Fragen als Antworten haben. Fragen bezüglich dessen wie man mit seinem Leben umgeht, beziehungsweise wie ein gelingendes Leben geführt werden kann. Darum geht es letzten Endes immer: Die Menschen kommen zwar mit unterschiedlichen Fragen zu mir, aber immer solchen, die ihr Dasein, ihre Existenz betreffen. Und sie glauben mit diesen Fragen am Besten in der Philosophie, also in einer philosophischen Praxis aufgehoben zu sein.

Was hat Sie dazu veranlasst ihre philosophische Praxis zu eröffnen?

Erst einmal natürlich die Tatsache, dass ich Philosoph bin. Und zum anderen wohl meine akademischen Erfahrungen mit der Philosophie. An den Hochschulen selbst findet im Grunde genommen gar kein Dialog mehr statt. Es fehlt also das, was ehemals von der Philosophie erwartet wurde; wie die Philosophie einmal angefangen hat, im Griechenland des 4./5. vorchristlichen Jahrhunderts. Die Philosophie war hauptsächlich eine Unterhaltung über die wesentlichen Punkte der menschlichen Existenz. In den Universitäten gibt es allerdings nur noch ein mutleeres akademisches Dozieren über die Köpfe der Studenten hinweg. In den Universitäten wird doch nur noch über die Köpfe der Studenten hinweg doziert! Und da war mir eigentlich ganz klar: Das mit der Philosophie muss anders werden. Was dort passiert, ist etwas, was der Philosophie nicht würdig ist. Philosophie kann und will mehr. Philosophie will Menschen erreichen, will ein Medium sein, sich mit Menschen in der Tiefe ihrer Existenz unterhalten zu können. Das will Philosophie und das soll Philosophie insbesondere in der Praxis machen und nicht in der Theorie.Eine zusätzliche Motivation ist es für mich gewesen, genau das auszuprobieren und zu sehen, ob das denn überhaupt noch klappt. Um zu sehen, ob sich für diese Art der Philosophie überhaupt noch jemand erwärmen kann. Und wie sich gezeigt hat: Es interessiert noch eine ganze Menge Menschen. Um eine philosophische Praxis zu führen, bedarf es keiner akademischen Ausbildung!

Was, würden Sie sagen, braucht es, um eine philosophische Praxis führen zu können?

Zuerst einmal sollte man prinzipiell Interesse an der Philosophie haben. Und sich in den philosophischen Themata, wie sie die abendländische, traditionelle Philosophie formuliert hat, auskennen. Ich will allerdings nicht gleich darauf hinaus, dass man eine akademische Ausbildung haben muss. Man kann sich das auch autodidaktisch angeeignet haben. Man muss aber vielleicht vor allem einen Sinn dafür haben, was Philosophie im Bezug auf den Menschen will. In gewisser Weise muss man in der Lage sein von sich absehen zu können. Das ist auf eine gewisse Weise eine Kunst. Was man selbst denkt, ist zwar auch wichtig, aber es ist nicht leitend wichtig. Wichtig ist der Gegenüber. Weiter ist es bedeutend Begriffe bilden zu können. Nicht bloß Dinge nachzuplappern, sondern für eine individuelle Situation Begriffe mit seinem Dialogpartner zu bilden. Zum Führen einer philosophischen Praxis gehört vielleicht eine gewisse Begabung! Und was vielleicht auch nicht ganz unwichtig ist: Man muss selber schon etwas gelebt haben, sich schon etwas im Leben umgeschaut haben und nicht nur in Büchern. Also auch ein Gespür für gewisse menschliche Probleme und Ängste mitbringen. Vielleicht sollte man sich auch ein wenig in anderen Disziplinen umgeschaut haben. Nicht bloß in der Philosophie. Natürlich wird auch eine gewisse Eigenreife erwartet, um so etwas machen zu können. Nicht mit allem fertig sein, das meine ich nicht. Sondern, dass man über gewisse Hürden im eigenen Leben schon hinweggekommen ist. Und vielleicht, das hört sich vielleicht jetzt etwas verschwiegen an, aber vielleicht gehört auch eine gewisse Begabung dazu.

Wie würden sie die Rollen und Aufgaben beschreiben, die dem Philosophen in einem „philosophischen Gespräch“ zufallen?

Also mir gefällt das Bild das Sokrates einmal entworfen hat ganz gut. Die Mutter von Sokrates war Hebamme. Und Sokrates sagte über sich, dass er in seinen philosophischen Gesprächen die Hebammenkunst seiner Mutter praktisch weiterführt. Wo es allerdings natürlich nicht darum geht Kinder auf die Welt, sondern die Wahrheit ans Licht zu holen. Also die Wahrheit, die sein Gegenüber im Grunde genommen schon in sich trägt, die gleichsam zu gebären. Und genau das soll auch ein Philosoph in einem philosophischen Gespräch tun. Es ist nicht Aufgabe der Philosophie Ideale oder Dogmen vorzugeben! Er soll nicht führen, das ist Unsinn. Er soll auch nicht Ideen oder Ideale vorgeben, das wäre ganz verkehrt. Sondern es geht in allen philosophischen Gesprächen darum, zu entdecken, was die Wahrheit des je Einzelnen ist. Und da ist nicht meine Wahrheit, sondern die Wahrheit des Gegenübers wichtig. Und die philosophische Tradition hat gute Möglichkeiten entwickelt, eben solche Wahrheiten ans Licht zu bringen. Etwa durch Fragetechniken und Dialogtechniken dafür zu sorgen, dass der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin zu ihrer Wahrheit kommen kann.



 

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