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| Reiki für den Computer: Ein (All)Tag mit einem Schamanen |
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| Geschrieben von Caro Kim | |
| Montag, 17. März 2008 | |
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Es ist windig und kalt. Der Himmel ist stark bewölkt und lässt kein Sonnenlicht durch. Es regnet. Auf der Kanalbrücke steht ein Mann und schaut aufs Wasser. Er hebt seine Hand und macht kreisende Bewegungen. Er singt leise. Die Autos rauschen so schnell vorbei, dass die Brücke wackelt. Der Mann nimmt eine mit Wasser gefüllte Plastikflasche und entleert sie über dem Kanal. Der Mann vom Kanal heißt Andreas Gerner und ist ein deutscher Schamane... Wir treffen uns in seinem Apartment, das ironischerweise in einem ehemaligen Missionshaus liegt. Ein riesiges altes Backsteinhaus mit etwa 180 Wohneinheiten. Ich suche Zimmer 108, die Gänge sind verlassen. Teppich im Flur, zu beiden Seiten anonyme Türen. Dumpfe Stille, dumpfes Licht. Schon habe ich mich verlaufen. Andreas Gerner, ein großer, hagerer Mann Ende 30, erlöst mich und zeigt mir den Weg zu Nummer 108. Er wirkt entschlossen und voller Tatendrang. Er bittet mich hinein. Spiritueller DiplomatDie Wohnung eines deutschen Schamanen sieht auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich aus. Das Apartment ist klein und etwas chaotisch. Durch große Fenster fällt helles Licht. Der Schamane liest Käpt’n Blaubär. Auf den zweiten Blick jedoch findet man so einige Hinweise darauf, dass wir uns in der Wohnung eines esoterisch Interessierten befinden: Kristalle, Pendel, Trommeln und ein „schamanisches Objekt“ an der Wand – ein Stock, der wie eine Wünschelrute geformt und mit einem Mix aus Runen, indianisch anmutenden Tierfiguren und hinduistischen Zeichen bemalt ist. „Ein Schamane ist wie ein Diplomat“, erklärt Andreas Gerner, „er ist ein Mittler zwischen Himmel und Erde, ein Bote der Lichtwesen“. Gerner fühlt sich als Schamane berufen. Bereits in seiner Kindheit hat er „viel durchgemacht“ und litt unter stressbedingten Krankheiten wie Neurodermitis. Er merkte, dass er anders war. „Ich wusste Dinge“, erinnert er sich. Aber er wusste nicht woher. Dennoch hatte Gerner auch einen positiven Einfluss auf andere Menschen: „Viele Leute haben mir gesagt, dass ich ihnen gut tue.“ Vor zehn Jahren begann er sich für Astrologie zu interessieren. Über Reiki kam er dann zum Schamanismus. „Reiki ist ein wichtiges Instrument des Schamanismus. Es ist die Kraft, die für das synergetische Zusammenwirken aller anderen Lebenskräfte sorgt. Der Heiler ist dabei der Kanal für die Reiki-Kraft, die die anderen Kräfte gemäß dem natürlichen individuellen Lebensplan an den Ort führt, wo sie hingehören. Denn am falschen Ort stören und am richtigen Ort fehlen sie.“ Reiki ist eine Methode der Geistheilung aus Japan, die leicht zu erlernen und in einer spirituell interessierten Community sehr populär ist. Beim Reiki überträgt man die Energien zum Beispiel durch Handauflegen auf andere Personen und Dinge. Dinge? „Ja. Es gibt nichts Totes. Alles hat einen Seelenanteil, auch Pflanzen und Dinge. ![]() Die Häuptlingspflanze von Zimmer 108. (Foto: C. Kim) Dies zum Beispiel ist meine Häuptlingspflanze.“ Er zeigt auf eine unscheinbare Pflanze, die auf dem Fußboden steht. „Ich hab auch schon mal meinem Computer Reiki gegeben! Hat super geklappt, musst du mal ausprobieren!“, fügt Gerner lachend hinzu. Trotzdem ich bin mir sicher: Er meint es ernst. Ich bekomme ein Glas schamanisches Wasser, das energetisch angereichert ist. Es schmeckt warm und weich. Schamane im „zweiten Lehrjahr“Indem er anderen Reiki gibt, fühlt sich Andreas Gerner selbst auch besser. „Reiki ist eine geistheilerische Selbstapotheke“, erklärt er. Schamanismus hat auch viel mit Selbstheilung zu tun. Seit Andreas Gerner seiner Berufung gefolgt ist, konnte er seine Krankheiten weitgehend überwinden und fühlt sich im Einklang mit dem Leben. Noch ist er allerdings kein fertig ausgebildeter Schamane: Die ersten zwei Stufen der Ausbildung bei seinem Lehrer Walter Lübeck hat er schon absolviert, für die letzte Stufe spart er noch. Die fundierte Ausbildung beschreibt er als „hochpotenzierte Psychotherapie“, denn sie dient auch der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Schamane zu werden, sei wie ein Handwerk zu erlernen. In der Ausbildung werden dem Lehrling die Instrumente für den schamanischen Weg an die Hand gegeben. Da wäre zum Beispiel das Channeling, die Kontaktaufnahme mit Lichtwesen, und das Soulhunting, die Zurückführung von entflohenen Seelenanteilen an ihren ursprünglichen „Wohnort“. Oder das Clearing, bei dem Seelenanteile aus besetzten Personen oder Orten herausgelöst und ins Lichtreich geführt werden. Das Lichtreich ist der Himmel. „Es ist Ruhe und Entspannung. Es ist wie... Urlaub.“ Wenn es so schön im Lichtreich ist, warum wollen dann manche Seelen nicht dorthin? „Weil sie Angst haben. Ich rede dann mit ihnen und erkläre ihnen, dass sie keine Angst haben müssen und sich lösen können. In der Regel sehen sie das dann auch ein“, klärt Gerner auf. Wie die Lichtwesen aussehen, weiß er nicht. Aber er kann ihre Anwesenheit spüren und vor allem hören, wie sie überirdische Gesänge singen. Sein Lehrer kann sie sogar sehen, doch so weit ist Andreas Gerner noch nicht. Er ist ja noch in der Ausbildung. Es ist ein Geben und Nehmen“, beschreibt er den Dialog mit den Lichtwesen. Diesen Satz sagt er noch oft an diesem Nachmittag. „Ich bekomme Informationen von den Lichtwesen. Sie sagen mir, was ich tun muss, und sie bekommen Informationen von mir.“ Was wollen denn die Geister für Informationen haben? „Einmal haben sie mich gefragt, wie man eigentlich zaubert.“ Und wie zaubert man? „Man muss Kontakt zu seinem Hohen Selbst aufnehmen.“ Die Seele ist nach Gerners Vorstellung der Kern der Persönlichkeit, die von drei archetypischen Teilen in ihrer Ganzheit abgebildet wird: dem Hohen Selbst, dem Inneren Kind und dem Mittleren Selbst. Das Hohe Selbst ist die Verbindung zum Göttlichen Lebensplan. Schamanischer AlltagWir bereiten uns auf unseren Ausflug vor. Ich werde Andreas Gerner in seinem schamanischen Alltag, wie er sagt, begleiten. Heute geht es um wichtige Energie- und Kraftplatzarbeit am Kanal. Die Selbstheilungskräfte der Pflanzen und der Umwelt sollen aktiviert und gestärkt werden. Zuerst wird der Schamane dem Kanal wichtige Informationen vermitteln, „die der Kanal braucht“. Durch ein radionisches Orakel erfährt er die Informationen, die der Kanal heute benötigt. Die Karten des Orakels sagen: ![]() Informationen für den Kanal. (Foto: C. Kim) Der Kanal ist introvertiert und isoliert. Er soll in Kontakt mit seiner Umwelt treten, eine Einheit von Körper und Geist bilden und einen Bezug zur Realität bekommen. Mittels eines Kristalls und der bloßen Abbildung einer Maschine wird Wasser in einer Flasche mit den heutigen Informationen aufgeladen. Dieses Wasser wird Andreas Gerner später zwecks Informationsvermittlung in den Kanal schütten. Wir wandern weiter durch den Regen am Kanal entlang. Gerner raucht. „Die Zigarette gehört auch zum Ritual“, sagt Gerner schmunzelnd. Ich schmunzele auch. Und dann: „Nein, wirklich. Sie gehört echt zum Ritual. Tabak ist ein heiliges Kraut und durch den Rauch werden Erde und Himmel miteinander verbunden. Außerdem stimmt es mich auf das Ritual ein.“
![]() Eine Birke auf dem Weg bekommt Reiki. (Foto: C. Kim) Unterwegs halten wir an, damit Gerner einigen Bäumen Reiki geben kann. Diese Kraftplatzarbeit ist ihm sehr wichtig. Er spürt, dass der Bedarf für diese Arbeit da ist. Was würde passieren, wenn er die Arbeit nicht machen würde? „Aus welchem Grund sollte ich es nicht machen? Ich weiß, dass es gebraucht wird und es tut mir selber gut. Ich sehe es als eine Art Hausaufgabe.“ Sein Ziel wäre es, dass überall auf der Welt Leute diese Kraftplatzarbeit betrieben, so dass sich die Umwelt Stück für Stück verbessern könnte. Es geht um Erdheilung und Reinigung. „Entwicklungshilfe für Naturplätze“ nennt Gerner seine Arbeit. Wir kommen an einer großen alten Eiche an. Diese riesige Eiche ist Gerners persönliche Freundin, sie hat es ihm angetan. Sie ist kahl und dunkel, fast schwarz. Dieser Baum strahlt eine Kraft aus, die auch für nicht-spirituelle Menschen spürbar ist. Sie ist der Häuptlingsbaum unter den vielen Bäumen, die den Kanal säumen. „An diesem Platz befindet sich viel Energie“, erklärt Gerner. Ich solle mal meine Hand auf die Eiche legen und sie etwas fragen, was ich wissen will. Ich bekomme keine Antwort, aber es tut trotzdem gut, die grobe Rinde zu fühlen und den Moment der Stille zu genießen. Gerner beginnt sein Ritual, indem er den Platz säubert. „Das Müllsammeln gehört auch dazu.“ Dann tritt er in Kontakt mit dem Geist der Eiche. Er steht vor ihr und macht kreisförmige Bewegungen mit den Händen und Armen. Manchmal sagt oder singt er etwas. Er wirkt abwesend. Im traditionellen Schamanismus gibt es den „nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand“ (Eliade), in dem der Schamane Seelenreisen unternehmen kann und mit Geistern kommuniziert. Oft wird dieser Bewusstseinszustand zum Beispiel durch monotones Trommeln induziert. Bei Gerner geschieht dies von allein. ![]() Kraftplatzarbeit bei der alten Eiche. (Foto: C. Kim) Er braucht keine Hilfsmittel und wechselt ganz von selbst in eine Art Trance. Einige Jogger kommen vorbei und schauen... zumindest irritiert. Für sie sieht es aus, als steht jemand wild fuchtelnd vor einem Baum herum. Nach etwa einer Viertelstunde hört das Ritual auf. „Das sollte jetzt aber auch reichen“, meint Gerner, der nun auf mich einen zufriedenen und wieder klaren Eindruck macht. Dennoch fühle er sich noch leicht benommen von den Eindrücken, die er eben gesammelt hat. „Der Geist der Eiche hat mir gesagt, ich solle Energien für ihn tanzen lassen. Ich wusste selbst nicht, wie das geht. Dann habe ich Energien und Lichtwesen gerufen und sie haben getanzt. Sie haben so sehr getanzt, dass sie zu einem Ball verschmolzen sind. Der Ball ist jetzt immer noch da.“ Ich kann nichts sehen. Ob er ihn sehen kann? „Vor meinem inneren Auge kann ich ihn sehen.“ Diese Erfahrung war auch für Gerner neu. Es gefällt ihm, dass es immer anders abläuft und immer etwas Neues passiert. Die komischen Blicke der Jogger lassen ihn kalt. „Früher habe ich immer direkt aufgehört, wenn jemand vorbei kam. Aber jetzt macht es mir überhaupt nichts mehr aus.“ So ähnlich wie die Jogger verhält sich zum Teil auch Gerners „Herkunftsfamilie“. Seine Eltern können mit dem Lebensweg ihres Sohnes nichts anfangen. Dafür hat Gerner nun auch durch seine Arbeit und Lehre einen Kreis von Leuten gefunden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er, bei denen er sich wohl fühlt und die ihn akzeptieren. Noch kann Gerner noch nicht allein von Schamanismus und Geistheilung leben. Aber so bald wie möglich möchte er soweit sein. Zwei Gruppen von Leuten nehmen bereits seine Dienste in Anspruch. Einmal diejenigen, die „austherapiert“ sind, denen Schulmedizin also nicht mehr hilft. Und dann die spirituell Interessierten. Meist geht es um Depressionen und Partnerberatungen. Schamanismus ist Hilfe zur Selbsthilfe. Aber einmal kam auch jemand mit Krebs zu ihm. Konnte er ihm helfen, ihn heilen? „Leider ist er nach zwei Sitzungen nicht mehr gekommen.“, gibt er zu und sieht etwas enttäuscht aus. Schamanischer CocktailDas Konzept von Schamanismus, das Andreas Gerner anwendet, ist ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten schamanischen Traditionen: Er wendet Reiki aus Japan an, setzt ursprünglich chinesisches I-Ching ein, ruft christliche Engelsorden an, nutzt die auf hawaiianischen Traditionen beruhende Huna-Lehre, verwendet germanische Runen und radionische Orakel und beruft sich auf Lemuria, den versunkenen Kontinent. Gerner sieht das ganz pragmatisch: „Daran musst du jetzt nicht glauben.“ Dass schamanische Konzepte eingebettet in ihren kulturellen, mythologischen und sozialen Kontext ihrer Gruppe gesehen werden müssten, sieht er nicht so. Aber wie kann es sein, dass Schamanismus in einer Umgebung wirkt, die keine schamanischen Kontexte und Traditionen hat? „Nicht die Kulturen, der Schamanismus war zuerst da. Die Kulturen haben den Schamanismus integriert. Es gibt im Schamanismus keinen Zwang. Es geht um den Sinnzusammenhang. Ich kann gleichzeitig nordische Götter, Shiva und christliche Engel anrufen. Ich rufe die Namen, den Hüter des Platzes oder die Dryade (den Baumgeist), lege mein Anliegen dar und bekomme Unterstützung – egal von wem.“ Andreas Gerner hat durch diese Form des Schamanismus seinen Weg gefunden, mit seiner hohen Sensibilität umzugehen. Seine Kraftplatzarbeit ist sein unmittelbarer Beitrag für die zerstörte Umwelt, unter der er leidet. Er möchte Leben fördern. Endlich hat es aufgehört zu regnen. Ich bin total durchnässt. Wir verlassen den Kanal und kommen zurück in die Stadt, während es schon dunkel wird. Für heute ist die schamanische Arbeit getan. Ich bin ganz beduselt von den vielen spirituellen Gesprächen. Wir verabschieden uns und ich bedanke mich. „Es ist immer ein Geben und Nehmen“ erwidert er und entlässt mich in die gewöhnliche Welt.
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